Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden  
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 360 mal aufgerufen
 Alles rund um Michel Vaillant
Tobias O. Meißner ( Gast )
Beiträge:

06.06.2015 16:00
Das sechste Album: "Warsons Verrat" antworten

Eine schöne Idee, das Album direkt mit der Siegerehrung des Voralbums beginnen zu lassen. Man hat als Leser dadurch das Gefühl, keinen Tag im Leben der Protagonisten zu verpassen. (Ein weiterer Direktanschluss ist, dass es auf dem Titelbild ja schon wieder Bob Cramer ist, der da einen Vaillante schneidet.)
- Die Radieschen-Episode finde ich durchaus gelungen (obwohl Gratons Humor auch hier wie immer ein wenig mit Anlauf und Ansage daherkommt - man kann stets schon mit halb geschlossenen Augen an den entsetzten Gesichtern der Figuren erkennen, dass gerade etwas Lustiges im Gange ist.) Gewundert habe ich mich auf S. 7 allerdings über Steves Bemerkung über Wissenschaftler, die "zum Mond geflogen sind". Das Album ist doch von 1961/2, da ist es bis zur ersten bemannten Mondlandung doch noch einige Jahre hin?
- S. 8 bis 13: Sechs Seiten voller Flugzeuge und Flughäfen - ungewöhnlich in einem Rennfahrercomic, aber gut für den "Duft der großen weiten Welt".
- Auf S. 14 oben finde ich die Landschaftsansicht regelrecht misslungen. Der See oder was immer das sein soll sieht wie eine tote Eisfläche aus, und auch die Berge stehen irgendwie falsch und kulissenartig in der Gegend herum. Was umso mehr verwundert, als Graton bei der Spanien-Rallye in Album 3 ja schon unter Beweis gestellt hat, Landschaften zeichnen zu können. (Auch erinnern die Berge mich auf dieser Seite zu sehr an das aus Westernfilmen geläufige Monument Valley, das für viele Europäer damals für Amerika stehen mochte, aber gar nicht in Texas liegt.)
- Ich verstehe auch, was Graton meint, wenn er von "Holzpferden" spricht. Seine Tiere sehen wirklich wie Spielzeugmodelle aus. Man mag jetzt sagen: Er ist ja Franzose, wie soll er da authentisches Westernflair einfangen? Aber das hat Jijé, Giraud, Hermann oder Swolfs ja auch nicht gehindert. Sagen wir mal, Graton ist sehr gut darin, Maschinen zu zeichnen. Und im Gegenteil zu einem anderen Technikexperten, Albert Weinberg, kann er wenigstens auch Menschen und Gesichter.
- Auf S. 22 finde ich die Größe von Warsons "Farm" etwas unglaubwürdig. Im Grunde genommen macht ihn dieser riesige Betrieb zu einem Großindustriellen. Das aber wiederum passt überhaupt nicht zu seiner sonstigen Lebensweise.
- Auf den S. 24 und 25 ist endlich das Lokalkolorit glaubwürdig: Fort Worth sieht authentisch aus, und dass man bei der Fahrt nach Dallas vor allem Erdölraffinerien zu sehen bekommt (und eben kein Monument Valley), leuchtet ebenfalls ein.
- Auf S. 27 links oben finde ich die Frau im Mechanikerdress interessant. Eine Mechanikerin oder sogar Fahrerin?
- S. 28: Hier ist eine typisch amerikanische Reklame im 8. und 9. Bild auf der Rückseite der Broschüre zu sehen: "For your Sports Car make it a K... Body". Was für eine Firma mag das sein?
- Kommt es nur mir so vor, oder wirkt S. 29 irgendwie lieblos? Die Autos detailarm und wie unscharf, kaum Hintergründe, und auch, wie der Streckenplan zwischen die Bilder geklatscht wurde ... ob das eine Seite ist, die Graton aus Zeitgründen seinen Assistenten überlassen musste? (Schon die nächste Seite sieht wieder viel besser aus.)
- S. 30: Ein bisschen gemein finde ich, wie die Amerikaner als unsportlich dargestellt werden (Fehlstart!). Sehr gut finde ich allerdings, dass die Vaillants dieses unfaire Rennen dann wenigstens auch verlieren. Hätten sie das durch schiere Überlegenheit auch noch gewinnen können, wären die amerikanischen Gegner komplett zu Stümpern verkommen.
- S. 33: Michel wieder sehr emotional/irrational: Er sagt, sie könnten Steve nicht ohne Beweise verdächtigen (Bild 4), weigert sich aber einfach, die Beweise, die Joseph ihm liefern möchte, anzuschauen (Bild 3).
- Wer sind eigentlich diese beiden attraktiven Damen auf den Seiten 36 bis 38? Sind das "Groupies"? Die Schwarzhaarige scheint ja auf mehreren Bildern im Hintergrund an der Bar etwas mit Mauro Bianchi am Laufen zu haben...
- S. 38: Amüsant, wie Graton die schlaue, aber manipulative Pressekampagne in Bild 8 den "örtlichen Händlern" in die Schuhe schiebt (die wir dann auf S. 43 auch ganovenvisagig zu Gesicht bekommen), um den "großen Firmen" nicht auf die Schuhe zu treten. Die würden so ja nicht "agieren"...
- Ein großes Lob an das Nachwort: Dass die "Carrera Panamericana" nach fünf Jahren eingestellt wurde und 1961 schon nicht mehr existierte, ist eine hochinteressante Information! Graton nutzt hier also seine Rennfahrersaga, um ein "sechstes Rennen" zu veranstalten, dass es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Zumindest nicht bis 1988. Das ist eine tolle Idee von Graton, und ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie ein Comic Historie nicht nur wiedergeben und aufgreifen, sondern sogar mitgestalten kann. Als Hommage, die dazu beiträgt, eine Legende lebendig zu halten.
- Der Plot ist übrigens ausgesprochen interessant: Ein europäischer Automobilhersteller, der sich auf dem amerikanischen Markt etablieren möchte, muss zu diesem Zweck mit eigens dafür neu kreierten Fahrzeugen ein außergewöhnliches, extremes Rennen gewinnen. Das ist eine sehr gelungene Mischung aus Sportdrama und Wirtschaftssimulation, gewürzt dann natürlich noch mit den persönlichen Querelen der Fahrer.
(In einem Kalender habe ich folgende in Amerika geschaltete Anzeige von Renault aus dem Jahre 1960 gefunden:
"LA REVOLUTION DE L'AUTOMOBILE, or, how more and more Americans have made their driving fun again.
La Proclamation: We, the drivers of America, want a car that is economical, quality-built, comfortable, parkable, handsome. We demand a return to the car-car!
Le Background: Renault, pioneer name in the automobile world (since 1896), heeds the call to rational driving: Renault designs, tests, starts selling the delectable Dauphine. It catches on!
LES REASONS-WHY: 1. The price you pay is 1645 Dollars. 2. Drive over 300 miles on a tank of gas (up to 40 mpg); save up 60% on gas bills! 3. Now, lower insurance premiums granted by some insurance companies because of the greater safety and maneuverability; 4. One of the best-organized service-and-parts networks in the country with over 800 (!) U.S. dealers, (over 150 more in Canada), all with factory-trained men on hand; 5. Striking engineering & design advances include smooth operating rear-engine, unit construction, four-doors, elegant Parisian lines; 6. Many more, see for yourself.
La Situation Today: you've been reading about the great changes in the automobile picture. Well ... go compare, see, check. Feature for feature. Dollar for Dollar. Then come back an see once more the car that helped bring it all about. (See too, the jazzy Caravelle convertible.)
The automobile revolution...she ist here.................Allons Citoyens!
Le Car Hot: Renault Dauphine"

Wow. Die französische Revolution des amerikanischen Automarkts. Genau das ist das Thema von "Warsons Verrat". Genau so hätte eine amerikanische Anzeige von VAILLANTE zur Zeit dieses sechsten Albums aussehen können.)
- Toll: S. 42 mit dem Streckenverlauf und den vielen Informationen. "Michael Vaillant" bekommt hier wieder sehr dokumentarischen Charakter, was ja nicht sehr viele eigentlich an Jugendliche gerichtete Comics von sich behaupten können. (Und nostalgisch für die Freunde frankobelgischer Comics aus heutiger Perspektive: der Streckenverlauf führt sowohl durch "Durango" als auch durch "Chihuahua" (Pearl), womit wir quasi genüsslich an den Westerncomics vorbeifahren, die ich weiter oben schon im Zusammenhang mit Gratons Holzpferden erwähnte.)
- S. 48, drittes Bild: Hier sagt Henri, der Transporter wartet in "Ciudad". Gemeint ist "Ciudad Juarez". Das Wort "Ciudad" heißt aber nichts anderes als "Stadt". Eigentlich müsste man also eher sagen, der Transporter wartet in "Juarez", oder?
- S. 50/1: sehr packende Startatmosphäre, schön viele Wagen. Mich hätte die Info noch interessiert, wie viele Wagen insgesamt teilnehmen (und dann am Ende, wie viele von denen es ins Ziel geschafft haben.)
- S. 53: Die Naivität, mit der Michel sich nicht denken kann, dass Steve subtil "bremst", ist deutlich größer als die jedes (jugendlichen) Lesers, der schon längst begreift, was hier gespielt wird.
- (Übrigens sind sämtliche Landschaften auf der Rallye wieder überzeugend und rundum gelungen. Die S. 14 und 29 waren wirklich Ausnahmen. Wenn man jetzt zurückblättert, hat man den Eindruck, die S. 14 und 29 sind von einem ganz anderen Zeichner gestaltet worden als z. B. die S. 55. Möglicherweise arbeitete Graton auch mit unterschiedlichen Hintergrundassistenten?)
- S. 56: Ah, jetzt hat's Michel endlich durchschaut. Und die Sache anzusprechen reicht auch schon, um dafür zu sorgen, dass Steve endlich Gas gibt. Geht doch.
- S. 63: Im Englischen nennt man eine solche Seite "overwritten" (Wenn das Bild-Textverhältnis stark vom Text dominiert wird.)
- S. 64: das allerletzte Bild hält ja nochmal mehrere Schocks bereit. Erst wird in Windeseile die gesamte restliche Saison durchgehechelt, aber dann die Knüller: Cramer und Steve treten vom Rennsport zurück. Cramer tut mir beinahe leid. Bis hin zur 6. Etappe lag er auf der Panamericana in Führung und hat dadurch eigentlich bewiesen, dass er ein guter Fahrer ist. Außerdem hat er in diesem einen Band zweimal von Steve auf die Fresse bekommen. Kann das nicht als Strafe reichen?
Dass Steve für immer weg ist, glaubt natürlich kein Leser (bei Cramer glaubt man das eher). Es spricht aber sehr für die Epik von Gratons Gesamterzählung, dass Steve wirklich erst in Band 9 (also deutlich über 100 Seiten später) wieder auftauchen wird.

Insgesamt erneut ein ganz ausgezeichnetes Album mit vielen, vielen Schauplätzen, zwei interessanten Rennen und Überraschungen bis hin zum allerletzten Bild!

BobCramer Offline



Beiträge: 191

05.07.2015 05:46
#2 RE: Das sechste Album: "Warsons Verrat" antworten

Hallo Tobias,

noch ein paar Anmerkungen zu Deinen Anmerkungen. :)

>> Eine schöne Idee, das Album direkt mit der Siegerehrung des Voralbums beginnen zu lassen. Man hat als Leser dadurch das Gefühl, keinen Tag im Leben der Protagonisten zu verpassen.

Ja, das ist schön gemacht und, wenn ich das richtig sehe, auch nahezu einmalig. Mir fällt zumindest keine andere Serie ein, bei der das so praktiziert wurde. Selbst wenn es bei anderen Serien Doppelabenteuer gibt, schließt das zweite Album in der Regel zeitlich nicht direkt an das erste an. Auf jeden Fall unterstreicht diese Art des Erzählens den Eindruck, dass Graton eine fiktive Chronologie erzählt und nicht bloß Einzelalben aneinanderreiht, wie es sonst üblich ist. In dieser speziellen Art ist das im frankobelgischen Kosmos bis dahin meines Erachtens nicht gemacht worden. Natürlich gab es auch in anderen Serien inhaltliche Bezüge zu früheren Geschichten, aber diese Art epischer Chronologie, wie sie Graton konzipiert hat, ist quasi einmalig - und macht den besonderen Reiz der Serie aus. Zumindest bis, sagen wir, Mitte der 70er Jahre.

>> Gewundert habe ich mich auf S. 7 allerdings über Steves Bemerkung über Wissenschaftler, die "zum Mond geflogen sind". Das Album ist doch von 1961/2, da ist es bis zur ersten bemannten Mondlandung doch noch einige Jahre hin?

Ja, da ist der gute Steve seiner Zeit eben voraus. :) Aber der Satz ist schon merkwürdig.

>> S. 8 bis 13: Sechs Seiten voller Flugzeuge und Flughäfen - ungewöhnlich in einem Rennfahrercomic, aber gut für den "Duft der großen weiten Welt".

Interessant auch, wie gemächlich damals erzählt wurde bzw. werden konnte. Vier Seiten nur für die US-Reise unserer Helden! Ergo zwei, drei Wochen, in denen der Leser mit einer letztlich unbedeutenden Nebenepisode beschäftigt war. Anfang der sechziger Jahre konnte man sich das noch erlauben, da waren die Konsumenten noch nicht auf das beschleunigte Erzähltempo hin konditioniert, das dann später mit den TV-Serien in Mode kam. Heute könnte sich das keiner mehr erlauben. Auch JG hat die Flugreisen von MV später nie wieder in dieser epischen Länge ausgebreitet. Die wurden dann nur noch in ein paar Bildern abgehandelt.

>> Auf S. 14 oben finde ich die Landschaftsansicht regelrecht misslungen. Der See oder was immer das sein soll sieht wie eine tote isfläche aus, und auch die Berge stehen irgendwie falsch und kulissenartig in der Gegend herum. Was umso mehr verwundert, als Graton bei der Spanien-Rallye in Album 3 ja schon unter Beweis gestellt hat, Landschaften zeichnen zu können.

Ja, das passt irgendwie nicht. Er hatte wirklich schon bessere Landschaftsdarstellungen. Vielleicht war er unter Zeitdruck? Schwer zu sagen. Mit dem Einstieg der Assistenten ab Band 8 scheint das Niveau der Landschaftszeichnungen noch mal anzusteigen, gerade die Hintergründe bei den Rallyes sind in diesem Album sehr gelungen. Gar nicht zu sprechen von A19 oder A22, wo das Studio ganz tolle Arbeit abgeliefert hat.

>> Sagen wir mal, Graton ist sehr gut darin, Maschinen zu zeichnen. Und im Gegenteil zu einem anderen Technikexperten, Albert Weinberg, kann er wenigstens auch Menschen und Gesichter.

Der große Pferdezeichner war JG wohl nicht. Aber welcher Zeichner kann schon alles zeichnen? Man sehe sich nur mal die seltsam verwachsenen Kreaturen an, die bei Hermann als Frauen auftreten? :)

Ich schätze, es ist extrem schwer, Pferde gut zu zeichnen. Wenn man sieht, wie Giraud oder Hermann das gemacht haben, davor kann man nur den Hut ziehen.

>> Auf S. 22 finde ich die Größe von Warsons "Farm" etwas unglaubwürdig. Im Grunde genommen macht ihn dieser riesige Betrieb zu einem Großindustriellen. Das aber wiederum passt überhaupt nicht zu seiner sonstigen Lebensweise.

Das dachte ich mir auch schon oft. Meines Erachtens muss man, wenn man ein internationaler Top-Pilot sein will, seine gesamte Energie in diese Karriere stecken, um mithalten zu können. Nebenher noch eine riesige Farm zu managen, dürfte da wohl kaum möglich sein. Da muss man sich Tag und Nacht drum kümmern.

Ich glaube kaum, dass internationale Top-Fahrer während ihrer aktiven Zeit nebenher noch als Geschäftsmänner im großen Stil aktiv waren/sind. Wie sollte das funktionieren?

Steve wollte seine Farm doch aufgeben. Erstaunlicherweise hat er sie in A65 dann immer noch...

>> Auf S. 27 links oben finde ich die Frau im Mechanikerdress interessant. Eine Mechanikerin oder sogar Fahrerin?

Schwer vorstellbar, dass da Frauen mitfuhren oder als Mechanikerinnen gearbeitet haben. Nach einem Grid-Girl sieht die Dame aber auch nicht aus. In der Tat mysteriös...

>> Kommt es nur mir so vor, oder wirkt S. 29 irgendwie lieblos? Die Autos detailarm und wie unscharf, kaum Hintergründe, und auch, wie der Streckenplan zwischen die Bilder geklatscht wurde ... ob das eine Seite ist, die Graton aus Zeitgründen seinen Assistenten überlassen musste? (Schon die nächste Seite sieht wieder viel besser aus.)

Assistenten hatte er damals eigentlich noch keine. Denayer kam ja erst ab Band 8. Für mich ist der ganze Band weniger sorgfältig gestaltet als Album 5, in das Graton ganz offensichtlich seine ganze Energie investiert hat. Ich hatte immer den Eindruck, dass er sich nach dieser immensen Kraftanstrengung bei Album 6 etwas zurückgelehnt und sich auf seine Routine verlassen hat. Für mich ist es unterm Strich das schwächste der klassischen Alben und bietet weder inhaltlich noch optische besondere Höhepunkte. Der ganze Zeichenstil wirkt vergröbert. Es ist kein schlechtes Album, aber es fehlt das gewisse Etwas.

Das ist nicht mal ein Vorwurf an JG. Man darf nicht vergessen, dass er zwischen Januar 58 und Juni 61, also in nur 3 1/2 Jahren, fünf tolle Klassiker-Alben auf hohem Niveau präsentiert hat. Das sind über 300 Seiten in Personalunion als Zeichner und Texter - und das ohne Assistenten, wenn man von Francine absieht, die koloriert hat. Alles in allem dürfte das auf jeden Fall eine nahezu einmalige Arbeitsleistung sein. Wenn er da dann mal einen Gang runtergeschaltet hat, kann man ihm das nicht verübeln. Und mit A7 hat er dann gleich anschließend wieder ein Top-Album hingelegt. Von A8 und A9 ganz zu schweigen.

>> S. 30: Ein bisschen gemein finde ich, wie die Amerikaner als unsportlich dargestellt werden (Fehlstart!).

Weshalb die Amis bei Jean immer so mies wegkommen, müsste mal gesondert untersucht werden. Dauernd sind es großspurige, unsportliche Kotzbrocken, die unserem französischen Pfadfinder übel wollen. :)

>> Wer sind eigentlich diese beiden attraktiven Damen auf den Seiten 36 bis 38? Sind das "Groupies"? Die Schwarzhaarige scheint ja auf mehreren Bildern im Hintergrund an der Bar etwas mit Mauro Bianchi am Laufen zu haben...

Tja, man weiß es nicht. Auf jeden Fall scheint auch JG gemerkt zu haben, dass es unrealistisch ist, jahrelang junge Männer zu zeigen, die NUR Autos und Motoren und sonst nichts im Kopf haben. Allerdings entsprechen die Damen wieder dem typischen Schema "Standard-Schaufensterpuppe mit Perücke". Mit Pferden und Frauen tat sich Graton eindeutig schwerer als mit Männern und Boliden.

>> Ein großes Lob an das Nachwort: Dass die "Carrera Panamericana" nach fünf Jahren eingestellt wurde und 1961 schon nicht mehr existierte, ist eine hochinteressante Information!

Ja, unser Rennsportexperte Ben Neubauer weiß da Bescheid. Das ist immer sehr interessant, was er an Hintergrundinfos ausgräbt.

>> Wow. Die französische Revolution des amerikanischen Automarkts. Genau das ist das Thema von "Warsons Verrat". Genau so hätte eine amerikanische Anzeige von VAILLANTE zur Zeit dieses sechsten Albums aussehen können.)

Graton hatte da wohl wieder mal ein instinktives Gespür für angesagte Themen. Man denke nur, wie er mit dem Leader Jahre, bevor die asiatischen Marken auf den europäischen Markt drängten, diese Thematik aufgegriffen hat.

>> S. 48, drittes Bild: Hier sagt Henri, der Transporter wartet in "Ciudad". Gemeint ist "Ciudad Juarez". Das Wort "Ciudad" heißt aber nichts anderes als "Stadt". Eigentlich müsste man also eher sagen, der Transporter wartet in "Juarez", oder?

Tja, da bin ich auch überfragt. :)

>> S. 50/1: sehr packende Startatmosphäre, schön viele Wagen.

Jetzt zieht die Handlung ordentlich an, vor allem, wenn Steve dann auf Seite 57 endlich ordentlich aufs Gas tritt.

>> (Übrigens sind sämtliche Landschaften auf der Rallye wieder überzeugend und rundum gelungen. Die S. 14 und 29 waren wirklich Ausnahmen. Wenn man jetzt zurückblättert, hat man den Eindruck, die S. 14 und 29 sind von einem ganz anderen Zeichner gestaltet worden als z. B. die S. 55. Möglicherweise arbeitete Graton auch mit unterschiedlichen Hintergrundassistenten?)

Wie gesagt - Denayer kam erst bei Band 8, was man diesem deutlich ansieht, wie ich finde. Obwohl die Landschaftsgestaltungen bei der mexikanischen Rallye durchaus in Ordnung sind, wirken sie bei der Lüttich-Sofia-Lüttich doch noch viel detaillierter und einprägsamer. Für mich ist es offensichtlich, dass Graton hier kompetent unterstützt wurde - gerade auch bei der Gestaltung der Autos. Das wae ja Denayers Spezialgebiet.

>> S. 63: Im Englischen nennt man eine solche Seite "overwritten" (Wenn das Bild-Textverhältnis stark vom Text dominiert wird.)

Auf den letzten zwei Seiten mussten wohl auf Teufel komm raus alle wichtigen Hintergrundinfos vermittelt werden. Das sieht schon arg überladen aus - gerade wenn man bedenkt, dass sich Graton für die eigentlich nicht besonders wichtige Flugreise vorher vier Seiten Zeit genommen hat. Hätte er die auf zwei Seiten gekürzt und die zwei freien Seiten für das Finale reserviert, hätte er nicht so viel Dialog auf die letzten Seiten quetschen müssen. Aber es ist halt nicht so leicht, das so zu konzipieren, dass es passt.

>> S. 64: das allerletzte Bild hält ja nochmal mehrere Schocks bereit. Erst wird in Windeseile die gesamte restliche Saison durchgehechelt, aber dann die Knüller: Cramer und Steve treten vom Rennsport zurück. Cramer tut mir beinahe leid. Bis hin zur 6. Etappe lag er auf der Panamericana in Führung und hat dadurch eigentlich bewiesen, dass er ein guter Fahrer ist. Außerdem hat er in diesem einen Band zweimal von Steve auf die Fresse bekommen. Kann das nicht als Strafe reichen?

Strafe muss sein im Gratonschen Kosmos. :) Allerdings kriegt jeder Sünder die Möglichkeit, seine Taten zu bereuen. Siehe Cramer, Payntor, Pablo, Blancardo, Leader, Ruth... - alle standen irgendwann als reuige Sünder da und haben ihre Untaten bereut. Wer diesen Weg nicht ging, wurde à la Hawkins quasi mit dem Höllenfeuer bestraft und zum Pizzagesicht verunstaltet.

>> Dass Steve für immer weg ist, glaubt natürlich kein Leser (bei Cramer glaubt man das eher). Es spricht aber sehr für die Epik von Gratons Gesamterzählung, dass Steve wirklich erst in Band 9 (also deutlich über 100 Seiten später) wieder auftauchen wird.

Die Frage ist, ob Graton die Rückkehr von Steve schon bei Band 6 geplant hat - oder ob er damals wirklich vorhatte, ihn aus der Serie zu entfernen? In Album 7 wird er weder erwähnt noch von Michel vermisst. Vielleicht wollte JG Michel mit wechselnden Sidekicks wie Delamare oder Yves weitermachen lassen, hat dann aber eingesehen, dass Steve als Figur zu prägnant ist, um sie aus der Serie zu kicken.

>> Insgesamt erneut ein ganz ausgezeichnetes Album mit vielen, vielen Schauplätzen, zwei interessanten Rennen und Überraschungen bis hin zum allerletzten Bild!

Wie gesagt, ich würde sagen, es ist ein schönes, solides MV-Album, dem aber doch die Prägnanz von Alben wie A3, A4, A5, A7 oder A9 fehlt und das zeichnerisch etwas unter dem Niveau ist, das Graton mit den vorigen Alben vorgelegt hat. Ich hatte immer den Eindruck, dass JG nach A5 etwas ausgepowert war und einen Gang runtergeschaltet hat. Es gab dann ja auch keine aufwändigen Zeichnerwettbewerbe oder liebevoll gestaltete Ankündigungsseiten mehr. Für A7 hat er sich, um sich zu entlasten, einen anderen Szenaristen geholt, ab A8 kam dann Denayer, später folgten die anderen Assistenten. Kurz gesagt, es sieht so aus, als habe er die geradezu übermenschliche Arbeitsbelastung, der er seit ca. vier Jahren ausgesetzt war, ab A6 reduziert - zuerst, indem er ein Album mit etwa weniger Sorgfalt gestaltet hat, dann, indem er sich Hilfe bei der Gestaltung der Alben geholt hat. Das ist natürlich nur eine Hypothese.

So, dies war's erst Mal von meiner Seite aus. Danke nochmal für Deine interssanten Anmerkungen!

Grüße
Bob

Tobias O. Meißner ( Gast )
Beiträge:

10.07.2015 11:40
#3 RE: Das sechste Album: "Warsons Verrat" antworten

Hallo Bob,

und Dankeschön zurück für deine Anmerkungen zu meinen Anmerkungen.

Deine Theorie, dass die 6 das Album war, bei dem Graton merkte, dass er "ausgepowert" ist, finde ich sehr schlüssig. Wie gesagt sehen mehrere Seiten etwas lustlos/überfordert aus. Ich bin wirklich gespannt auf seinen Assistenten, ich lese ja streng chronologisch und habe nur einige vage Erinnerungen an meine Jugendzeit mit ZACK.

>>Auf jeden Fall unterstreicht diese Art des Erzählens den Eindruck, dass Graton eine fiktive Chronologie erzählt und nicht bloß Einzelalben aneinanderreiht, wie es sonst üblich ist. In dieser speziellen Art ist das im frankobelgischen Kosmos bis dahin meines Erachtens nicht gemacht worden. Natürlich gab es auch in anderen Serien inhaltliche Bezüge zu früheren Geschichten, aber diese Art epischer Chronologie, wie sie Graton konzipiert hat, ist quasi einmalig - und macht den besonderen Reiz der Serie aus. Zumindest bis, sagen wir, Mitte der 70er Jahre.<<

Mir fällt ein einziges weiteres frankobelgisches Beispiel ein: "Leutnant Blueberry". Hier waren bereits die ersten fünf Alben ein Zyklus, die Handlung ging nahtlos ineinander über, und das war bereits Anfang/Mitte der 60er.


>>Interessant auch, wie gemächlich damals erzählt wurde bzw. werden konnte. Vier Seiten nur für die US-Reise unserer Helden!<<

Ja, und das macht den besonderen Reiz dieser 64-Seiten-Alben aus.


>>Aber welcher Zeichner kann schon alles zeichnen? Man sehe sich nur mal die seltsam verwachsenen Kreaturen an, die bei Hermann als Frauen auftreten? :)<<

Letztes Jahr hat Hermann mir bei einer Signierstunde ein sehr hübsches barbusiges Mädchen ins Buch gezeichnet. Vielleicht ist er im Alter in dieser Hinsicht eher besser geworden...? :)


>>Mit Pferden und Frauen tat sich Graton eindeutig schwerer als mit Männern und Boliden.<<

Wobei seine Frauen aber wirklich hübsch aussehen. Sie haben nur leider selten etwas Kluges oder Wichtiges zu sagen. Wahrscheinlich war "Julie Wood" in dieser Hinsicht Gratons Besserungsgelöbnis.


Grüße
Tobias

Sir ( Gast )
Beiträge:

22.02.2016 21:51
#4 RE: Das sechste Album: "Warsons Verrat" antworten

Hallo Tobias, Hallo Bob,

es ist immer wieder sehr schön eure Rezessionen der Alben zu lesen.

Danach hole ich das Album auch wieder hervor und suche eure angemerkten Stellen. Viele Sachen sind mir gar nicht so aufgefallen, wahrscheinlich fehlt mir noch die richtige Leseart.

Gruß Sir

 Sprung  
Xobor Erstelle ein eigenes Forum mit Xobor