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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Alles rund um Michel Vaillant
Tobias O. Meißner ( Gast )
Beiträge:

21.08.2014 18:38
Das vierte Album: "Nachtfahrt" antworten

Liebe Michel-Vaillant-Leser,

dies wird leider ein noch umfangreicherer Eintrag als sonst, aber "Nachtfahrt" gibt noch mehr her als die ersten drei Bände.

Die Teaser-Seite zu Beginn ist schon einmal sehr gelungen. Macht sie doch nicht nur neugierig auf Michels "Abkehr" vom Rennsport, sondern auch auf Jean Gratons seltsames Verhalten, seine Recherche. Brillante Verknüpfung beider Ebenen!
- Dann: was für ein Umschwung! Michel fährt plötzlich keine Rennen mehr, es geht nicht mehr um Vater Vaillant und ein weltumspannendes Spektakelturnier, es geht eigentlich gar nicht mehr um Rennwagen, sondern um die Probleme eines 15jährigen Jungen (wahrscheinlich Gratons Haupt-Zielgruppe für "Michel Vaillant".) Und das Album lässt sich bei der Etablierung dieser neuen Atmosphäre alle Zeit der Welt. Wunderbar! Wo vorher gerast wurde, wird nun getuckert.
- Um Autos geht es aber doch, Lastwagen diesmal, und wie man sie bedient. Da werden bei mir Erinnerungen wach an die Frontlenker-TV-Serie "Auf Achse", eine der wenigen deutschen Abenteuergeschichten, die wirklich gut gemacht war (mit Josef Vilsmaier an der Kamera und unter anderem einem jungen Dominik Graf als Drehbuchautor ...)
- Die Atmosphäre von Michels und Steves erster Nachtfahrt ist sehr schön eingefangen: die blendenden Scheinwerfer des Gegenverkehrs, die Musik aus dem Radio, die Kälte am Morgen ...
- In diesem Band wirken Michel und Steve mehr denn je wie ein homosexuelles Pärchen. Das fängt schon auf S. 6 an, wie die beiden in Badehosen miteinander herumtollen, führt dann über die Tatsache, dass sie alles gemeinsam machen bis hin zum sechsten Bild auf S. 21, wo Steve Michel beim Rasieren stört, Michel ihn etwas fragt, und Steve dann antwortet: "O.K., Michel! Aber wir gehen früh zu Bett!" Die beiden wohnen und schlafen also wohl auch zusammen.
Und niemals reden sie über Frauen. Keiner von ihnen - auch der draufgängerische Steve nicht - ist auch nur im mindesten ein Schürzenjäger.
"Verdächtig" finde ich auch die "Etablissements", in denen sie sich herumtreiben. Auf den S. 17 - 19 eine Fernfahrerkneipe, in der es (natürlich) keine Frauen gibt. Aber wirklich seltsam ist dann diese "Snackbar" auf den S. 22 - 24. Kann man sich eine Jukeboxbar ganz ohne Mädchen vorstellen? Warum sollte man als Junge da hingehen? Aber hier ist eine solche!
Wahrscheinlich handelt es sich bei beidem um Schwulentreffpunkte. Auch der jugendliche Yves und sein erwachsenerer "Freund" Regis wirken wie ein Pärchen, bei dem der Jüngere seine Jugend gegen Moneten verscherbelt. Was auch Yves' bockiges Verhalten der übrigen "spießigen" Welt gegenüber erklären würde.
Mir ist schon klar, dass Jean Graton wahrscheinlich nichts in dieser Hinsicht vorgehabt hat. Für ihn sind Michel und Steve einfach nur große Jungs, eigentlich im selben Alter wie seine Teenager-Zielgruppe, nur heldenhafter gewachsen.
Dennoch enthalten Kunstwerke ja manchmal mehr als die Summe ihrer Teile, und ich finde es interessant, "Michel Vaillant" nicht nur als Rennfahrerabenteuer, sondern auch als Geschichte über sexuelle Unschlüssigkeiten zu lesen. In späteren Bänden haben Michel und Steve ja wohl doch etwas mit Frauen. Aber in dieser frühen Phase ihrer Freundschaft sind sie offenbar in jeder Hinsicht lieber unter sich.
- Der mittlere "Halbstarke" auf dem letzten Bild von S. 22 hat übrigens erstaunliche Ähnlichkeit mit Frankreichs damals sehr beliebtem Filmstar Jean Marais.
- Dieser Band ist ganz außergewöhnlich unmichelvaillantig. Dreißig Seiten lang fährt niemand irgendein Rennen, dann wird auf S. 31 immerhin der "Große Preis von Monaco" besucht (nur als Zuschauer, wohlgemerkt), aber dann auch gleich wieder innerhalb von nur drei Bildern abgefrühstückt. Das, worum sich sonst immer alles drehte, ist in Band 4 nicht mehr als ein Hintergrundbrummen.
- Auf S. 35 rechts unten bekommt Michel mal wieder einen neuen Job spendiert: Er ist "Leiter der Fahrerschulung bei Vaillant". Ach ja? Wann macht er denn das auch noch? In Band 3 war er doch noch "hervorragender Journalist", und in Band 4 ist er unter die spontanen Truckdriver und Jugendsozialarbeiter gegangen ... ;-)
- Auf den S. 38 bis 40 zieht sich die Geschichte wie Kaugummi, finde ich. In erster Linie deshalb, weil man von "Michel Vaillant" ja deutlich mehr Dramatik - und vor allem: Geschwindigkeit! - gewöhnt ist. Die Episode um Boules Schnauzbart ist zwar recht schnurrig, aber wirklich nur marginal interessant. (Am Ende wird sie jedoch noch einmal hübsch aufgegriffen, das versöhnt mich dann wieder mit dieser Umleitung.)
- Auf S. 41 beeindruckt Graton mit Fachwissen. Was für Tricks Trucker benutzen, um sich gegenseitig vor Polizeikontrollen zu warnen bzw. diesen sogar zu entgehen, ist staunenswert.
- Die Verfolgungsjagd, die das ganze letzte Drittel des Albums einnimmt, ist natürlich fulminant und toll gemacht. Ein "weißes Gespenst", das ohne Licht durch die Nacht rast, ist ein sehr starkes Motiv. Die Karte der Region ist ebenfalls eine geniale Idee.
Leider sind mir gerade im Zusammenhang mit der Karte ein paar Unstimmigkeiten aufgefallen:
So ist auf S. 56 mehrmals von "Istres" die Rede, aber ausgerechnet Istres ist auf der Karte gar nicht drauf. Zuerst dachte ich, möglicherweise ist "Port de Bouc" der Hafen von Istres, aber das stimmt nicht. Istres ist das Arrondissement, in dem sich der Ort Port de Bouc befindet! Deshalb also ist Istres auf der Karte nicht eingetragen. Aber man hätte eine Sternchen-Erläuterung in den Text machen können, um diesbezügliche Verwirrung (vor allem bei nichtfranzösischen Lesern) zu vermeiden.
Dann erscheint mir der Fluchtplan des Jaguarfahrers auf S. 57 nicht ganz einleuchtend: Als er gezwungen ist, nach Miramas auszuweichen, beschließt er, gleich den gesamten Etang de Berre zu umfahren, was einen gewaltigen Umweg bedeutet. Auf der Karte jedoch ist zu sehen, dass es vor Miramas noch zwei kleine, grüne Straßen gibt, auf denen er auf seinen ursprünglichen Weg nach Süden zurückkehren könnte. So würde er den Umweg vermeiden - und übrigens auch seinem Verhängnis Michel nicht begegnen, der sich ja von Osten Miramas nähert ...
Überhaupt habe ich mich gefragt, weshalb er, wenn er die Radiosendung verfolgt und mitbekommen hat, dass sämtliche Fernfahrer Frankreichs hinter ihm her sind, den Wagen nicht einfach in einem Wäldchen parkt und das Verstreichen der Nacht abwartet, bis wenigstens diese Sendung vorbei ist und nur noch die Polizei hinter ihm her ist. Oder er am Morgen den Wagen - denn man sucht nur nach dem Wagen, seine Person ist ja unbekannt - einfach im Wald stehenlässt und einen Zug nimmt in eine Hafenstadt. So könnte man ihm gar nichts anhaben.
- Michels Plan, den Jaguar zu stoppen, ist ganz schön riskant - besonders, wenn man bedenkt, dass noch ein zweiter Mensch im Kofferraum eingeschlossen ist, der bei einem Unfall umkommen könnte. Heutzutage würde die Polizei einfach eine Nagelkette quer über die Straße ziehen und sämtliche Reifen des Jaguars damit plattmachen. Das ist umso einfacher, wenn er nachts ohne Licht fährt und die Kette gar nicht sehen kann.

Eine abschließende Bemerkung noch zu diesem Album: Jean Graton war (wie im Nachwort geschildert) ein wenig enttäuscht, dass das Publikum solche Abweichungen vom Rennfahrerdasein nicht goutierte.
Ich kann das Publikum in dieser Hinsicht aber durchaus verstehen.
Es geht einfach um die Strapazierung der Plausibilität.
Jeder Comic-Leser akzeptiert, dass Michel Vaillant ein toller Rennfahrer ist, Rick Master ein guter Detektiv und Reporter, Mick Tanguy ein superber Pilot und Leutnant Blueberry ein außergewöhnlicher Schütze, Reiter und Pokerspieler.
Wenn aber Michel Vaillant sich plötzlich als Detektiv betätigt, denkt man schnell, dass es unglaubwürdig wird. Wie bei seinem in Album 3 erwähnten Journalistenjob.
Ich finde, dass Graton sich noch recht geschmackvoll aus der Affäre gezogen hat. So hat mich z. B. beeindruckt, dass auf den Seiten 51, 52, 53, 54, 55 und 56 zwar die Verfolgungsjagd wie ein Uhrwerk schnurrt, Michel aber auf diesen Seiten überhaupt nicht auftaucht. Er lenkt und leitet also nicht alles. Dennoch ist am Ende natürlich er es, der in tollkühner Manier den Verbrecher dingfest macht, während sämtliche Polizisten offensichtlich vor Schreck wie gelähmt sind. Und das ist eben Strapazierung der Plausibilität, denn dass ein prominenter Sportler einen Verbrecher fasst, hat es meines Wissens in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben.
"Nachtfahrt" ist somit irgendwie ein Hybrid. Ein Versuch, aus dem Rennfahrerkorsett auszubrechen, durchaus. Aber für eine echte Graphic Novel über Fernfahrer dann doch wieder zu schablonenhaft (hier hätte man zum Beispiel mehr über das Leben oder die Familie oder auch nur die Gedanken von Jules erfahren können und wollen.) Letzten Endes handelt es sich nur um eine weitere Heldenlegendenfacette um den Tausendsassa Michel Vaillant, und das finde ich beinahe ein wenig schade, denn es wäre (auch wegen Gratons guter Recherche im Vorfeld) noch mehr drin gewesen.
Dennoch: Alle Achtung, dass er solche Tempowechsel überhaupt angestrebt hat.
(Auch hierin könnte Hal Foster sein Vorbild sein, der sich in "Prince Valiant" ebenfalls seitenlange Exkurse über familiäre Details oder die Erlebnisse von Nebenfiguren gönnte.)

soweit von mir
bis zum nächsten Band
Grüße
Tobias

BobCramer Offline



Beiträge: 191

03.10.2014 21:14
#2 RE: Das vierte Album: "Nachtfahrt" antworten

Hallo Tobias,

sorry, konnte mich die letzten Wochen nicht ums Forum kümmern. Werde noch näher auf Deine Ausführungen eingehen. :)

Gruß
Bob

Tobias O. Meißner ( Gast )
Beiträge:

07.10.2014 10:49
#3 RE: Das vierte Album: "Nachtfahrt" antworten

Hallo Bob,

gar kein "Sorry" nötig - ich erwarte keine Antworten. Ich schreibe nur einfach meine Leseeindrücke mit und stelle das dann hier rein, wo es vielleicht den einen oder anderen interessieren könnte. (Und ich bin auch langsamer geworden, bin jetzt in der Mitte von Band 5, es dauert also noch etwas bis zu meinem nächsten Posting ...)

Grüße
Tobias

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